Megaherz Herzwerk II (2002) - ein Review von DarkForrest

Megaherz: Herzwerk II - Cover
1
1 Review
7
7 Ratings
8.93
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Industrial Metal


DarkForrest
05.07.2026 07:46

Heute gönne ich mir mal einen kleinen Trip in die Vergangenheit. Vor über 20 Jahren habe ich mir mit “Herzwerk II” mein Lieblings-Megaherz-Album zugelegt, welches mich damals als noch recht frischen Megaherz-Fan ziemlich umgehauen hat. Es lief damals wirklich ständig rauf und runter und ich habe es extrem abgefeiert. Aber wie das so bei Alben ist, die man vielleicht sogar ein bisschen zu oft gehört hat, ist es im Laufe der Jahre bei mir etwas in Vergessenheit geraten und mittlerweile sehr lange her, dass ich es (zumindest bis vor ein paar Tagen) am Stück gehört habe. Da dachte ich mir, dass es doch mal spannend wäre, zu sehen, ob es heute noch ähnlich beeindruckend klingt und wie es so im Laufe der mittlerweile Jahrzehnte gealtert ist.

Der Name hat mich immer etwas irritiert und ich habe mich immer gefragt, ob es denn auch ein “Herzwerk I” gibt. Hat damals etwas gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass es das tatsächlich gibt - nur nicht als Album, sondern als Demo, an die ich leider bis heute noch nicht gekommen bin. Aber inhaltlich hat “Herzwerk II” eh nichts mit der Demo zu tun. Der Name ist also quasi nur dafür da, mich zu ärgern und daran zu erinnern, dass meine Megaherz-Sammlung noch nicht komplett ist.

Was aber eine absolute Besonderheit von diesem Album ist: es ist das letzte Album mit Sänger Alexx und Keyboarder Noel Pix, bevor man sich aufgrund künstlerischer Differenzen getrennt hat und die beiden mit Eisbrecher ihren Elektro-lastigeren Stil verwirklichen konnten. Das hört man hier auch schon sehr gut raus und “Herzwerk II” klingt fast wie ein Übergang zwischen den klassischen Megaherz und dem Stil, den Eisbrecher später prägen sollten. Ich muss aber sagen: Kein Megaherz-Album handhabt die elektronischen Parts so gut wie “Herzwerk II”. Auf den ersten beiden Alben waren sie noch nicht so dominant, auf “Himmelfahrt” war es dann immer ein wenig Glückssache, ob sie sich mit dem Rest vom Sound vertragen oder beißen und auf den neueren Alben sind sie zwar gut in die Musik eingebettet, wirken ohne Noel Pix dahinter aber etwas genetisch und flach. Hier haben sie einerseits viel Charakter, fügen sich aber andererseits gut in das Gesamtkonzept ein, so wie wir es dann später auch bei Eisbrecher erleben durften.

Ein anderer Pluspunkt ist hier auch die Abmischung. Insgesamt ist die Produktion zwar recht klar, aber vor allem die Gitarren haben hier ordentlich Wumms. Das heißt, dass jedes einzelne Instrument einen ziemlich hart in die Fresse schlägt, ohne verwaschen zu klingen, und ich liebe es. Aber auch die Tracklist kann sich absolut sehen lassen. Sie ist nicht nur recht abwechslungsreich, sondern hat auch den einen oder anderen Klassiker zu bieten, der bis heute noch live zum Einsatz kommt.

Los geht es erstmal mit “Herzblut”, welches eine krass eingängige Melodie hat und eigentlich auch ausschließlich davon lebt und vielleicht noch vom langsamen Build-up in den Strophen, bevor sich dann im Refrain alles entlädt. Das passt gerade als Opener natürlich super und harmoniert derart perfekt, dass man das so über 5 Minuten durchziehen kann, ohne dass es langweilig wird.

“Glas Und Tränen” geht dann direkt mal einen komplett anderen Weg und wirkt für Megaherz-Verhältnisse fast schon sperrig und unmelodisch. Wir haben hier sehr viele plötzliche Tempowechsel, Pausen und andere unerwartete Dinge, die aus dem Nichts kommen, wobei hier auch echt coole Sachen dabei sind, wie zum Beispiel ein spontanes Bass-Solo, das sich perfekt mit den eher harten Gitarren davor ergänzt. Ich mag es als Kontrast zu “Herzblut”, welches quasi von Sekunde 1 an ein Ohrwurm war, während “Glas Und Tränen” ein bisschen braucht, bis es so richtig ankommt, dann aber umso mehr durch seine Vielseitigkeit begeistert.

“I.M. Rumpelstilzchen” erinnert mich dann gleich wieder daran, dass Megaherz früher ja immer pro Album einen Märchen-Song am Start hatten. Rein musikalisch dürfte das hier der beste davon sein. Alleine die Riffs sind hier eine absolute Wucht und man auch die Vocals sind hier durchaus abwechslungsreich. Die Rumpelstilzchen-Samples (keine Ahnung, ob die aus ‘nem Märchenfilm kommen) sind mir dann vielleicht etwas zu viel, aber wenn wir die mal ausblenden, haben wir einen rundum starken Track.

Danach haben wir einen echten Klassiker, denn “5. März” ist auch heute noch auf Konzerten ein gern gehörter Song. Textlich eher so der typische Schlussmach-Song, den wir davor schon öfter hatten und auch danach noch einige Male hören sollten, aber musikalisch dafür ganz stark. Neben der sehr einprägsamen Melodie, wird noch ein unglaublich kraftvoller und emotionaler Refrain drauf gepackt, der auch heute noch nicht ausgelutscht wirkt.

Hinter “F.F.F. (Flesh For Fantasy)” verbirgt sich dann tatsächlich ein Billy Idol Cover - aber komplett auf deutsch, was den Titel vielleicht etwas verwirrend macht. Aber ich muss sagen: genauso macht man ein Cover. Für mich als Teenager, der das Original nicht kannte, hat es sich vom Stil her minimal anders angehört, als das, was Megaherz normalerweise machen, aber sich trotzdem super in das Album gefügt. Wenn ich es heute direkt mit dem Original vergleiche, dann ist noch genug davon vorhanden, um es zu erkennen, während man gleichzeitig halt komplett einen NDH-Song draus gemacht hat. Und das ganze funktioniert auch noch erstaunlich gut - wirklich beeindruckend.

Etwas einfacher gestrickt ist dagegen “Hand Auf’s Herz”, welches sehr die Vocals in den Vordergrund stellt und eher von den Lyrics selbst lebt. Als Filler würde ich es aber auch nicht bezeichnen. Es ist halt eher hart und direkt mit etwas weniger Wiedererkennungswert, hat aber auch ein paar schöne Ideen im Gepäck, wie zum Beispiel den Part mit den Politikerzitaten.

“Zu Den Sternen” spielt dann allerdings die Stärken von “Herzwerk II” wieder voll aus. Hier haben wir eine durchgängig langsame, aber gleichzeitig wuchtige Halb-Ballade, die gleichzeitig verträumt und ziemlich abgefuckt ist. Gut 5 Minuten sind auch genau die richtige Laufzeit, um sich voll entfalten zu können.

“Licht II” ist eine Anspielung auf “Licht” vom Debütalbum “Wer Bist Du?”, hat aber sonst nicht viel mit dem Vorgänger zu tun, sondern ist einfach nur ein kurzes, instrumentales Interlude. Für den Namen “Licht II” klingt es erstaunlich düster. Grundsätzlich ist es gelungen und ich mag so instrumentale Spielereien, die mir bei Megaherz in letzter Zeit auch zu kurz kommen. “Licht II” wirkt auf dem Album aber etwas verloren und passt auch nicht so recht zwischen “Zu Den Sternen” und “Heute Schon Gelebt?”. Ich wüsste aber auch nicht, wo ich es sonst platzieren würde.

Das gerade angesprochene “Heute Schon Gelebt?” ist dann ziemlich oldschoolig und hätte so fast auch auf “Kopfschuss” oder vielleicht sogar “Wer Bist Du?” gepasst - einfach nur harte Riffs und harter Sprechgesang von Alexx. Fühlt sich vielleicht ein wenig an wie ein Schritt zurück, aber als einzelner Song völlig okay und auf dem Album auch ganz nett, um etwas Abwechslung mit hinein zu bringen.

Passt auch gut, weil “An Deinem Grab” wiederum in die komplett andere Richtung geht und eine ziemlich ruhige, langsame und nachdenkliche Ballade ist. Und gerade wenn wir das mal mit den heutigen Balladen von Megaherz, aber auch Eisbrecher vergleichen, welche oft einfach nur flach und kitschig sind, bin ich doch beeindruckt. Wer hat eigentlich gesagt, dass ein kraftvoller Gesang oder auch härtere Gitarren im Widerspruch zu einer guten Ballade stehen müssen? “An Deinem Grab” zeigt, wie man beides wunderbar miteinander vereint.

Gegen Ende wird die Härte in den nächsten beiden Tracks noch einmal ordentlich hochgefahren. Der erste davon nennt sich “Perfekte Droge” und ist nochmal ein absolutes Highlight - ordentlich Tempo und Power, aber gleichzeitig auch ein interessanter Aufbau, bei welchem der Refrain komplett nach hinten verlagert wird.

Zum Abschluss gibt es dann direkt drei Songs - bestehend aus Rausschmeißer, Epilog und Bonus-Track. Der Rausschmeißer nennt sich “Spiel Nicht…” und ist leider der einzige Song, der mich nicht umhaut. Klar: im Refrain gibt die Band nochmal alles, fährt richtig was auf und vor allem live könnte das ziemlich geil gewesen sein - vor allem wenn man sich dazu noch Pyrofontänen Rammstein-Style vorstellen würde. Um bis dahin zu kommen, muss man aber durch einige Längen, in denen wenig passiert. Insgesamt immer noch ein ganz passabler Track, aber dem eh schon vollgepackten Album würde wenig fehlen, wenn “Spiel Nicht…” fehlen würde.

Für die Mehrheit der Fans dürfte sich dagegen aber vielleicht eher “Gold” etwas komisch anfühlen, da es schon sehr krass vom üblichen Megaherz-Repertoire abweicht. Auch ich bin mir etwas unsicher, als was das eigentlich gedacht war. Größtenteils ist das ein rein elektronisches Instrumental, welches aber Vocals von “An Deinem Grab” sampled und dabei sehr großzügig mit dem Vocoder umgeht. Das Ergebnis ist irgendwo zwischen hypnotisch, verträumt, melancholisch und trippy. Wahrscheinlich hat Noel Pix sich hier einfach mal ordentlich ausgetobt und ich liebe es.

Für Besitzer vom Digipack gibt es dann noch “Es Brennt”, welches mal wieder beweist, dass man Bonustracks ruhig auch irgendwo in der Mitte des Albums unterbringen darf, da man sonst nach dem ruhigen “Gold” mit dem eigentlichen sehr sauberen Abschluss bricht. Aber egal - der Song an sich ist echt gut und braucht sich vor den regulären Tracks nicht zu verstecken. Es wirkt ein bisschen wie ein etwas melodischeres und weniger komplexes “Glas Und Tränen” - ordentlich hart, aber musikalisch etwas leichter verdaulich. Damals war es eine echte Rarität, aber da Megaherz später mit dem damals neuen Sänger dann bei ihrem Comeback noch nicht wirklich neue B-Seiten hatten, wurde es mit auf die deutlich leichter zu findende “Mann Von Welt”-EP gepackt, was eine gute Möglichkeit ist, den Song auf eine etwas einfachere Art in physischer Form besitzen.

Tja, was soll ich sagen? Auch nach über 20 Jahren ist “Herzwerk II” für mich der absolute Höhepunkt von Megaherz. Sicherlich schwingt da auch noch viel Nostalgie-Bonus mit, wobei ich es allerdings schon beeindruckend finde, wie gut das Album gealtert ist. Im ersten Moment dachte ich, dass es vielleicht ein wenig an absoluten Überhits fehlt, die sich komplett vom Rest des Albums abheben, aber am Ende erfüllt einfach ein Großteil der Songs dieses Merkmal und die Qualität ist derart hoch, dass es dadurch kaum Qualitätsunterschiede gibt.

Selbst wenn wir mal die “schwächsten” Songs betrachten und uns “Spiel Nicht…” oder “Hand Auf’s Herz” anschauen - auf allen drei Alben davor würden diese beiden Tracks positiv auffallen und das obwohl die drei Vorgänger jetzt keine schlechten Alben waren. Das zeigt aber ziemlich klar, welche Qualitätssteigerung hier stattgefunden hat. Ich kann ja bis heute sowohl mit Megaherz, als auch mit Eisbecher etwas anfangen und beide Bands sollten in den Jahren darauf noch zahlreiche wirklich grandiose Songs schreiben, aber auf ein ganzes Album, welches nochmal die Qualität von “Herzwerk II” erreicht, warte ich bis heute.

Punkte: 10 / 10


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